
Feministische Spurensuche – Buchvorstellung im Literaturhaus Vorarlberg
24.03.2026 @ 19:00
| KostenlosFeministische Spurensuche: Ein “Date” mit einer Pionierin der BPW Austria im Literaturhaus Vorarlberg
Am 24. März 2026 luden die Business and Professional Women (BPW) Vorarlberg zu einem besonderen Clubabend ins Literaturhaus Vorarlberg ein. Unter dem Titel „Ein Date mit einer Pionierin der BPW Austria“ standen drei starke Frauen im Mittelpunkt: Alma S. Wittlin, deren Lebensgeschichte und Wirken Hadwig Kräutler in ihrer neu erschienenen Biografie aufarbeitete, sowie die Leiterin des Literaturhauses Vorarlberg, Frauke Kühn, die den Abend mit einer Führung durch das historische Haus abrundete.
Alma S. Wittlin: Eine vergessene Pionierin der Frauenbewegung und Museumspädagogik
Ursula Hillbrand, Präsidentin von BPW Vorarlberg, begrüßte die zahlreichen Gäste aus Vorarlberg und Tirol und stellte die drei inhaltlichen Schwerpunkte des Abends vor. Im Fokus stand zunächst Alma S. Wittlin, eine Frau, deren Leben und Wirken bis vor Kurzem fast in Vergessenheit geraten war. Wittlin, geboren 1899 in Lemberg (heute Ukraine), war Schriftstellerin, Journalistin, Museologin und Pädagogin. Ihr Lebensweg führt uns direkt in die Gründungsjahre des österreichischen Zweigs der Business and Professional Women (BPW).
Wittlin studierte in Wien und arbeitete im dortigen Literaturbetrieb, bis sie 1937 vor dem Nationalsozialismus nach England floh. Dort fand sie nicht nur Sicherheit, sondern auch internationale Anerkennung für ihre bahnbrechenden Arbeiten zur Museumsgeschichte und Ausstellungskommunikation. Ihre Ideen, wie Museen als interaktive Lernorte gestaltet werden können, waren revolutionär. Wittlin war eine der ersten, die den Gedanken vertrat, dass Kinder durch praktisches Erleben und Anfassen lernen – ein Ansatz, der heute als selbstverständlich gilt, damals jedoch radikal neu war.
In den Gründungsjahren des BPW Austria war Wittlin eine zentrale Figur. 1931 hielt sie auf dem ersten internationalen Kongress der Vereinigung berufstätiger Frauen in Wien eine Ansprache, die von der RAWAG gesendet wurde. Diese internationale Vernetzung war für Wittlin nicht nur beruflich, sondern auch persönlich bedeutend, da sie ihr später im Exil wichtige Kontakte ermöglichte.
Nach dem Krieg folgte Wittlin einer Einladung in die USA. 1952 wanderte sie aus und gründete in New Mexiko ein Kindermuseum mit einer mobilen Einheit namens „Science Comes To You“. Ihr Ansatz, dass Kinder durch praktisches Erleben lernen, war revolutionär und prägte ihre spätere Arbeit in der Erziehungswissenschaft. Später widmete sie sich in Harvard der Kognitionsforschung und gründete 1974 das Biopsychological Institute for Education in Palo Alto, Kalifornien, wo sie 1991 starb.
Trotz ihrer zahlreichen Leistungen und ihres Pioniergeistes geriet Alma S. Wittlin in Vergessenheit. Hadwig Kräutler betonte in ihrem Vortrag, dass „bis in die 1970er Jahre Geschichte männlich geschrieben wurde“. Wittlins Beiträge zur Museumspädagogik und Erziehungswissenschaft wurden kaum gewürdigt, obwohl sie grundlegende Ideen entwickelte, die bis heute relevant sind.
Hadwig Kräutler: Die Spurensuche nach einer vergessenen Pionierin
Hadwig Kräutler, Dornbirner Museologin und ehemalige Leiterin der Kunstvermittlungsabteilung im Belvedere, widmete ihre Pension dem Schreiben einer wissenschaftlichen Biografie über Alma S. Wittlin. Ihre Recherchen begannen bereits in den 1980er-Jahren, als sie während ihres Museumskundestudiums in England auf Wittlins bahnbrechende Gedanken und Bücher stieß. Diese Werke waren die ersten von einer Frau verfassten Museumsmonografien und wurden als Pflichtlektüre empfohlen – waren jedoch stets ausgeliehen und schwer zugänglich.
2009 entdeckte Kräutler am Campus der Universität Wien ein Denkmal, das an die in der NS-Zeit entlassenen, vertriebenen, ermordeten und benachteiligten Institutsmitglieder des Instituts für Kunstgeschichte erinnerte – darunter Alma S. Wittlin-Frischauer. Diese Begegnung mit Wittlins Namen veranlasste Kräutler, sich einige Jahre ihrer Pension der Aufarbeitung von Wittlins Lebensgeschichte zu widmen.
Ihre Recherchen führten sie durch Archive und zu Verwandten Wittlins in mehrere Länder, darunter Berlin, London, Madrid, Paris, Amsterdam, Washington, Boston und New Mexiko. Kräutlers Arbeit ist ein wichtiger Beitrag, um Wittlins unsichtbar gemachte Leistungen sichtbar zu machen und ihr Vermächtnis zu würdigen. Sie zeigte auf, wie Wittlin nicht nur eine Pionierin der Museumsarbeit war, sondern auch eine zentrale Figur in den frühen Jahren des BPW Austria.
Dialog und Reflexion: Was wir von Pionierinnen lernen können
Nach dem spannenden Vortrag führte Ursula Hillbrand einen interaktiven Dialog mit Hadwig Kräutler. Im Mittelpunkt standen Fragen wie: „Was können wir heute von Pionierinnen wie Alma S. Wittlin lernen?“, „Wie kann Kreativität Probleme lösen?“ und „Wie können wir unsichtbar gemachte Leistungen von Frauen sichtbar machen?“.
Die Diskussion zeigte, wie aktuell Wittlins Ansätze noch heute sind – insbesondere ihr Glauben an praktisches Lernen, ihre internationale Vernetzung und ihr Einsatz für Frauenrechte. Kräutler betonte, wie wichtig es ist, die Geschichten von Frauen wie Wittlin zu erzählen, um ein vollständigeres Bild der Geschichte zu zeichnen und junge Frauen heute zu inspirieren.
Das Literaturhaus Vorarlberg: Ein Ort der Begegnung und des kreativen Austauschs
Im Anschluss an den Dialog führte Frauke Kühn, Leiterin des Literaturhauses Vorarlberg, die Gäste durch die beeindruckenden Räumlichkeiten des Hauses. Das Literaturhaus, eröffnet am 5. April 2025, ist in einem historischen Gebäude untergebracht, das eine bewegte Geschichte hat.
Das ehemalige Wohnhaus der jüdischen Familie Rosenthal, die in der Textilbranche tätig war, wurde 1890 fertiggestellt. Das prachtvolle Anwesen mit rund 1500 Quadratmetern Wohnfläche verfügt über eine eigene Grotte im Park und sogar eine Kegelbahn im Haus. Die Dienstboten hatten einen separaten Treppenaufgang zu ihren Mansarden- und Arbeitszimmern. Nach dem Tod der kinderlosen Rosenthals erbte 1931 ihre Nichte Amalie Hess das Haus. Sie war Lazarettschwester im Ersten Weltkrieg und später Sekretärin bei verschiedenen Ärzten in München.
Im Jahr 2018 wurde das Gebäude von der Villa Rosenthal GmbH erworben und einer umfassenden Revitalisierung unterzogen. Heute ist es ein Ort der Begegnung und des kreativen Austauschs. Das Literaturhaus bietet ein breites Programm für Erwachsene, Kinder, Studierende und Schulklassen, darunter vier bis fünf Veranstaltungen pro Monat, Schreibworkshops, Schnitzeljagden für Kinder und Forschungsmöglichkeiten für Studierende. Der Besuch des Literaturhauses ist kostenfrei, und Spenden sind im Rahmen des „Pay as you wish“-Modells willkommen.
Frauke Kühn erklärte, dass das Literaturhaus nicht nur ein Ort für Literatur, sondern auch für Geschichte, Bücher und Gespräche ist. Eine wachsende Community nutzt den Ort für vielfältige Aktivitäten. Besonders betont wurde, dass das Haus durch den Dialog mit der Bevölkerung und Fachexpert:innen gestaltet wurde. „Die Menschen wünschen sich einen Ort, der tagsüber offen ist und ohne Eintritt genutzt werden kann, in jeder Lebensphase“, sagte Kühn.
Fazit: Erinnerung und Würdigung von Pionierinnen
Der Abend im Literaturhaus Vorarlberg zeigte eindrucksvoll, wie wichtig es ist, die Geschichten von Pionierinnen wie Alma S. Wittlin zu erzählen. Dank der akribischen Recherche von Hadwig Kräutler und Orten wie dem Literaturhaus können diese Geschichten bewahrt, erzählt und sinnstiftend weitergegeben werden.
Vom Alten AKH über Amerika bis ins Literaturhaus Vorarlberg – die Spurensuche nach Alma S. Wittlin macht deutlich: Frauen, die Pionierarbeit leisten, dürfen nicht unsichtbar bleiben. Ihre Leistungen und ihr Mut sind nicht nur Teil der Geschichte, sondern auch Inspiration für die Gegenwart und Zukunft.
Buchtipp (in Englisch): Kraeutler H., Museum. Learning. Democracy. The Work and Life of Alma S. Wittlin (1899–1991). ISBN-13: 978-3-643-91200-8
Link zum Literaturhaus: https://literatur.ist





















